Karl May war ein Rassist – doch was kann „Winnetou“ dafür?

Karl May – in erster Linie Opportunist und Marketing-Fachmann

Hitler war ein echter Karl May-Fan

Hitler las ihn zur Entspannung, als deutsche Soldaten zig-tausendfach an den Fronten starben und es nur noch rückwärts ging, Hitler hatte drei vollständige Sammlungen aller Karl-May-Bände: Eine in der Reichskanzlei in Berlin, eine auf dem Berghof bei Berchtesgaden / Obersalzberg, eine in seiner Münchener Wohnung. Karl Mays Werke ließen Hitler nicht nur aus unerträglichen Realitäten geistig entfliehen, während er Unmengen an Kuchen und Pudding in sich hineinstopfte, sondern war nach Hitlers Worten auch ein bedeutsamer Lehrmeister Hitlers. Karl May, so Hitler, habe ihm die Augen für die Welt geöffnet. Das könnte zumindest dafür gelten, wie man Panzerschlachten führt: Das Einkesseln des Feindes in dazu geeignetem Gelände ist die Methode der Wahl sowohl Old Shatterhands als auch des fiktional-identischen Kara Ben Nemsi, und durch das Einkesseln feindlicher Truppen hat Hitler seine Blitzkrieg-Erfolge erzielt.

Trägt Karl May eine Mitverantwortung für die rassistischen Verbrechen Hitlers?

Das hört sich zunächst alles so an, als ob Karl May den Boden für die Massenmorde an Juden, Sinti und Roma geebnet habe, als ob Karl May tödlich endende Experimente an Russen, Farbigen, Juden, Sinti und Roma befördert habe – doch das ist schlichtweg Unsinn: Abgesehen davon, dass Karl May dem breiten Volk eine unterhaltsame Möglichkeit bot, in ferne Länder und fremde Sitten hineinzuschauen, was im 19. Jahrhundert nicht gerade eine Selbstverständlichkeit war und damit ein genialer Marketingkniff, tat Karl May darüber hinaus nicht anderes, als die Mainstreams seiner Zeit widerzuspiegeln. Dazu gehörte allerdings auch Rassismus – aber eben nicht mehr, als er im Volk ohnehin verbreitet war, und definitiv nicht mit der Tendenz, andere Rassen als lebensunwert abzustempeln.

Was also bot Karl May an Rassismus? Beispiel Nr. 1, aus „Die Felsenburg“: Die schöne Jüdin verrät ihren Verlobten und ihren Vater in übelster Weise, weil sie sich einem reichen Schwerverbrecher zuwendet, der dann Menschen unter Zwang – auch ihren Verlobten und ihren Vater – in einem Quecksilber-Bergwerk arbeiten und dahinsiechen lässt. Nur eines interessiert die schöne Jüdin: Reichtum, Protz und Circumstances. Schlimmer noch als die Juden, so Karl-May, seien allerdings die Armenier, denen er alle denkbaren schlechten Charaktereigenschaften und zugleich typische Gesichtsprofile verordnet.

Beispiel Nr. 2: Farbige sind bei Karl-May oftmals herzensgute treue Seelen, aber ob er im Llano Estacado („Unter Geiern“) oder in Südafrika („Auf fremden Pfaden“) mit einem netten und körperlich überaus kräftigen Farbigen unterwegs ist – stets haben sie einen „Massa“, obwohl sie eigentlich frei sind, und reden wie Dreijährige, d.h., in einfachen Sätzen und Worten, mit restringierter Grammatik und und von sich selbst in der dritten Person Singular, etwa so: „Massa Bob sein ein gut Reiter.“ oder etwa so: „Quimbo kennen Weg.“

Wer bei den Schilderungen erschreckt, muss sich vor Augen halten, dass sie nur den damaligen Mainstreams entsprachen, jede andere Haltung den wahren Volkshelden wie Heinrich von Kleist vorbehalten blieb, der „Die Verlobung in St. Domingo“ so schrieb, dass oberflächlich denkende Leser ihn selbst für einen Rassisten halten konnten. Anders als echte Rassisten sprach Kleist den Farbigen allerdings keinerlei Minderbegabung zu, malte sie lediglich als wahre und unkalkulierbare Teufel für diejenigen an die Wand, die sich als Sklavenhalter betätigen wollten, so dass die Farbigen auf Haiti sich nach einer Befreiungsrevolte einigermaßen sicher fühlen konnten, dass den Europäern jegliche Lust an ihrer Versklavung vergangen sein musste.

Doch zurück zu Karl May – der seine Werke in einer Zeit schrieb, als Deutschland afrikanische Kolonien hatte und die Sklaverei selbst in den USA und europäischen Kolonien noch üblich oder zumindest noch nicht lange abgeschafft war. Ein Hauptargument für den Kolonialismus war zudem, dass die „Neger“ nicht in der Lage seien, sich politisch selbst zu verwalten, daher froh sein müssten, dass Europäer ihnen die politische Verwaltung abnähmen. Das dem zugrunde gelegte falsche Bild des „Negers“ war zwangsläufig das eines geistig minderbegabten Menschen, wie er nicht nur von Karl May, sondern auch von Immanuel Kant dargestellt wurde.

Wer als Schriftsteller oder als Professor im Europa des 18. oder 19. Jahrhunderts unangefeindet in Wohlstand leben wollte, musste u.a. in das Horn der Kolonialisten blasen, etwa so, wie Kant es tat: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“ Andere Zeiten, andere Mainstreams, und den Mainstreams, die Wohlstand und Sicherheit vor staatlichen und gesellschaftlichen Repressionen versprechen, haben sich schon immer über 90% der Menschen angepasst, Kant war insofern ebenso wenig eine Ausnahme wie Karl May.

Allerdings setzte Karl May auch sehr stark auf die christliche Kirche, besonders auf den katholischen Glauben, was einem überbordenden Rassismus durchaus im Wege stand. So wirkt es widersprüchlich zu seinen teils deutlich abwertenden Aussagen über bestimmte Völker, dass seine Heldenfigur Karl May alias Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi (=Karl, Sohn der Deutschen) allen Menschen die selben Menschenrechte zuspricht, da sie ja alle vor Gott gleich seien. Das Töten von Menschen kommt für seine fiktive Selbstdarstellung nur im Falle von unvermeidbaren Notwehrhandlungen infrage, ansonsten fängt sein Romanheld seine Todfeinde lieber unversehrt ein, versucht, sie zu christlichen Werten zu bekehren, und lässt sie dann wieder frei, damit sie ihm den nächsten Hinterhalt legen können.

Selbstverständlich lässt er keine Gelegenheit aus, um den Islam zu kritisieren und dem Christentum als der wahren Lehre Gottes zu huldigen, und natürlich präsentiert er deutsche Verhältnisse als das Vorzeigemodell für den Rest der Welt, nicht zuletzt auch den deutschen Menschen – in der Form des fiktiven Karl May, des Romanhelden, der teils als Old Shatterhand, teils als Kara Ben Nemsi auftritt: Sein Schlag haut jeden um, alle Sprachen spricht er wie ein native Speaker, und was sein Wissen angeht, kann bestenfalls Google es mit ihm aufnehmen: Nicht nur die Bibel, auch den Koran und seine Nebenschriften kennt er auswendig, babylonische Keilschrift entziffert er ebenso wie ägyptische Hieroglyphen und südamerikanische Inka-Knoten, jede Krankheit kann er heilen, jede Waffe perfekt beherrschen – James Bond ist eine lächerliche Gestalt gegen Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi.

Karl May reflektierte einfach die europäischen Mainstreams seiner Zeit, sei es in puncto Rassismus, sei es in puncto Katholizismus, sei es in puncto Nationalismus, verband das Ganze mit interessanten Schilderungen anderer Völker und Gegenden und mit Geschichten, die sich um einen Helden drehen, mit dem jeder sich nur zu gern identifizieren möchte, weil er alles kann, immer siegt und im Kern ein guter Mensch ist. Das ist schriftstellerisches Marketing im 19. Jahrhundert, sonst nichts, und der Erfolg gab dem Karl May auch recht – insofern.

Das man bessere Lehrmeister finden kann – etwa Schiller, Shakespeare, Dostojewski, Brecht, Lessing und viele andere – ist keine Frage. Aber es wird auch niemanden geben, der Karl May zu den Schriftstellern anspruchsvoller Literatur zählen würde.

Und Winnetou? Die fiktive Figur Winnetou äußert sich an keiner Stelle rassistisch, ist für unsere Begriffe zwar weltfremd, weil sie niemals auch nur ein einziges Wort zu viel sagt und Lachen offenbar als Eingeständnis mangelnder Selbstbeherrschung begreift, aber im Kern ist sie herzensgut.

Es ist erschreckend, dass manche Leute heute meinen, sie müssten Pierre Brice verteufeln und seiner Witwe damit das Leben schwer machen. Als ob es nicht zahllose Sachen gäbe, die es wirklich verdienen, dass man sie anprangert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..